Leimfarben - ein Relikt aus historischer Zeit

Was sind eigentlich Leimfarben?

Unter dem Begriff Leimfarbe versteht man meist einen Metylzelluloseleim, der wie Kleister angerührt wird und nachdem er einige Zeit gequollen ist mit Kreide vermischt wird. Diese Mischung kann als Farbe verwendet und gestrichen werden. Leimfarbe wird mit einer Bürste (Quast) gestrichen und zwar immer kreuzweise bei mehreren Anstrichen.

Um den Untergrund zu grundieren, wurde er „vorgeleimt“, das heißt, ein verdünnter Leim, ohne Kreidezusatz dient zur Festigung und Einstellung der Saugfähigkeit.

Zelluloseleim ist Kleister sehr ähnlich, aber es gibt einige Unterschiede. Leim ist transpartenter und etwas dünnflüssiger. Das liegt an der molekularen Struktur, die kleiner ist und keine langen Ketten bildet. Dadurch ist auch die Klebefähigkeit etwas geringer.

Die wichtigste Eigenschaft der Leimfarben, ist, dass sie „reversibel“ sind. Das heißt, sie trocknen rein physikalisch, nicht chemisch und sind daher einfach mit Wasser wieder aufzulösen und zu entfernen. Genau diese Eigenschaft macht sie für die Denkmalpflege sehr interessant. Übergestrichene Flächen lassen sich wieder schonend und rückstandslos entfernen. In der Altbausanierung führt das zu erheblichen Problemen.

Leimfarbe und ihre Eigenschaften

Das Bindemittel von Leimfarben ist Leim. Leime sind organische, wasserlösliche Bindemittel, die sowohl aus pflanzlichen als auch aus tierischen oder synthetischen Stoffen hergestellt werden können. Zu den Leimen aus tierischen Rohstoffen zählen Knochenleim, Fischleim, Haut- und Lederleime sowie Gelatine und Kasein. Cellulose- und Stärkeleime bzw. ‑kleister sind pflanzlicher Herkunft. Zur synthetischen Herstellung leimartiger Bindemittel können ebenfalls verschiedene Rohstoffe verwendet werden, darunter Polyvinylacetat, das Bindemittel vieler gängiger Holzleime.

 

Hinweis: Professionelle Maler verwenden zum Anrühren von Leimfarbe in aller Regel (Methyl‑)Celluloseleim, da dieser im Vergleich zu Stärkeleim elastischer und resistenter gegenüber Schimmel und Fäulnis ist.

Anwendungsbereiche von Leimfarben

Leimfarben ohne Kunstharzanteil werden heute vor allem wegen ihrer Umweltfreundlichkeit und positiven Auswirkungen auf das Raumklima und die Wohngesundheit geschätzt. Nachdem sie für eine Weile ganz aus der Mode gekommen waren – vom Markt verdrängt durch moderne Wohnraumfarben (z. B. Silikonharzfarben) und Dispersionen – erleben sie seit einigen Jahren ein Comeback im ökologischen Bauen, Sanieren und Renovieren. Weil sie keine Kunstharze enthalten, sind sie für Allergiker sehr gut geeignet. Darüber hinaus sind Leimfarben im Vergleich zu den ebenfalls gesundheitsfreundlichen und umweltverträglichen Mineralfarben (z. B. Kalkfarbe oder Wasserglas- bzw. Silikatfarbe) in aller Regel deutlich preisgünstiger.

Für Renovierungen in denkmalgeschützten Bauten bieten sich Leimfarben ebenfalls an. So erzielen Sie damit ein authentisches und schönes Ergebnis, wenn Sie etwa einen Innenanstrich aus der Gründerzeit oder dem Biedermeier restaurieren möchten. Die Ästhetik der Leimfarbe ist unaufdringlich, aber edel: Die Farben überzeugen durch eine hohe Leucht- und Deckkraft, wirken jedoch gleichzeitig dezent und ruhig. Weil die Pigmente in den Leim eingebunden sind, sehen auch starke Farben harmonisch und wohltemperiert aus.

Leimfarbe im Altbau

Zwei Eigenschaften der Leimfarben führen zu Problemen bei der Renovierung. Leimfarben werden von Wasser wieder angelöst und weichen dadurch auf. Zum Anderen baut sich der Leim im Laufe der Jahre ab, so dass die Bindekraft schwindet. Dadurch beginnt die Oberfläche der Leimfarbe zu „kreiden“ und stellt keinen tragfähigen Untergrund mehr dar.

Logischerweise könnte man solche Flächen mit einem Tiefgrund grundieren und somit festigen, aber leider funktioniert das nicht. Der Tiefgrund wirkt nur auf der Oberfläche der meist sehr dicken Farbschichten und bindet die tiefere Schicht nicht ab. Ferner baut sich durch den Tiefgrund eine Spannung auf, die die Haftung auf dem Untergrund weiter schwächt. Tiefgrund bringt also eher noch mehr Probleme mit sich.

Leimfarbe muss zwingend entfernt werden. Dazu wird der Anstrich nass gemacht, als würde man Tapete entfernen. Wenn die Farbschicht dick genug ist, kann man sie mit einer Malerspachtel abkratzen und anschließend abwaschen. Dünne Schichten werden nur abgewaschen. Nachdem der Untergruund trocken ist, kann mit einem Tiefgrund grundiert werden. Andere Möglichkeiten, direkt auf Leimfarbenanstriche zu arbeiten gibt es leider nicht.

Aufbau eines Leimfarbanstrichs

Vor dem Auftragen von Leimfarbe müssen eventuelle Putzmängel beseitigt werden. Fehlstellen wie Risse oder Löcher werden ausgekratzt, vorgeleimt und mit Gipsspachtel repariert. Das Vorleimen verringert die Saugfähigkeit des Untergrundes und kann so das Grundieren ersetzen. Danach sollte der vorgeleimte Putz mit einem hochpigmentierten Zwischenanstrich versehen werden, damit die Farbe perfekt deckt. Der Endanstrich erhöht die Abriebfestigkeit der Leimfarbe und kann mit einem geringeren Pigmentanteil ausgeführt werden.

Andere Leimfarben

Teilweise wurde etwas Leinöl in die Leimfarbe gegeben. Das festigt die Leimfarbe und lässt sie etwas besser verarbeiten. Manchmal wurde auch ein sogenannter „Binder“ zugegeben. Beide Maßnahmen machen die Leimfabe fester und erhöhen die Haftung. Trotzdem müssen auch solche Farbschichten entfernt werden; man kann sowieso die Zusammensetzung der Farbe ohne Laboruntersuchung nicht feststellen.

Neben dem klassischen Metyzelluloseleim gibt es noch weitere Leime. So wurde auch Dextrinleim verwendet, der sich etwas schwieriger entfernen lässt. Ebenso können auch Haut- und Knochenleime (tierische Leime), sowie Gelatine verwendet werden. Auch sie sind reversibel, binden aber stärker. Für normale Anstriche wurden sie nie verwendet. Diese Leime finden Anwendung in der Kunst, zum Grundieren von Leinwänden oder beim Aufbau einer Vergoldung. Tierische Leime müssen erhitzt werden und werden heiss verwendet.

Wichtig ist noch, Kaseinfarbe zu erwähnen. Kaseinfarben werden aus Magerquark hergestellt und sind nach der Trocknung nicht mehr reversibel. Kaseinleime bauen sich auch nach Jahrhunderten nicht ab und wurden für hochwertige Wand- und Deckenmalereien verwendet.

Heutige, industrielle Leimfarben

Auch heutzutage werden Leimfarben noch verwendet. Leimfarben haben trotz aller Nachteile unbestechliche Vorteile:

  • Leimfarben sind unerlässlich im Denkmalschutz
  • Leimfarben sind reine Naturfarben ohne chemische Zusätze und hoch atmungsaktiv, sorgen also für ein erstklassiges Raumklima.
  • Leimfarben sind frei von jeder statischen Aufladung. Deshalb ziehen sie keinen Schmutz an, wie das bei Dispersionsfarben der Fall ist. Sie bleiben wesentlich länger sauber.
  • Kalk-Kaseinfarben finden als Wandfarben Anwendung und sind sogar für außen verwendbar. Diese Farben sind alkalisch und dadurch pilzwidrig (fungizid)